Hans-Werner Engel

Premiere – „Draußen vor der Tür“ – Schloss-Spiel-Ensemble – 21.11.2008 19.00 Uhr

Am 61. Jahrestag der Uraufführung von „Draußen vor der Tür“ hat dieses Stück Premiere zu dem Ereignis Kulturhauptstadt 2010. Trotz Unwetterwarnung finden viel Besucher in die Aula des Albrecht-Dürer Gymnasiums.

Hier folgen Fotos, wie man sie selten von einer Premiere sieht, nämlich versteckte Blicke von Nadja Gruhn hinter die Kulissen – das Schloss-Spiel-Ensemble intim.

Szenenfotos von Bernd Müller:

 

Premierenbesprechung von Jan Pfennig:

„Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück.“

Schloss-Spiel-Ensemble zeigt Borcherts „Draußen vor der Tür“

Eine Möglichkeit der Aktualisierung von Vergangenem boten Dr. Peter Schütze und die Schauspieler der Hohenlimburger SchlossSpiele am 21.11.2008 mit Borcherts „Draußen vor der Tür“ (1947) im Albrecht-Dürer-Gymnasium. Diese Inszenierung beschränkt sich nicht nur auf die Tragik der Kriegsheimkehrer nach 1945, sondern Peter Schütze lässt Borcherts Beckmann in melancholischen, ironischen und wütenden Passagen die Stationen der Verleugnung individueller und kollektiver Erfahrung zeigen. Thomas Mehl, Lehrer des AD, setzte die Schauspieler ins angemessene Licht. Der Freundeskreis Hagen-Smolensk zeichnet verantwortlich für dieses Hagener Projekt „Wo ist Zuhause?“  der RUHR.2010 Kulturhauptstadt Europas.

Adam Hildenberg bringt den melancholischen Grundton in der mal wütenden, mal zweifelnd resignierenden Figur Beckmanns auf jedem Quadratzentimeter der Dürer-Bühne sehr überzeugend zum Ausdruck. Analog der aufgeworfenen Frage, die aus dem Ringen der Hauptfigur mit den gesellschaftlichen Instanzen hervorgeht, gestaltet Schütze die Bühne motivisch: Ein mittig platzierter Steg vor dem Hintergrund einer hellen Lichtbahn zwischen dunklem Vordergrund bricht ab. Welche Lehre entnehmen die Menschen den Soldatenschicksalen und können sie eine Zukunft gestalten, in der sie ein würdiges Leben in Verantwortung dem Nächsten gegenüber führen? Wer aber baut den Steg weiter? Wie müsste er weiter begangen werden? Auf diesem Symbol für den Weg der Erinnerung aus dem Dunkel ins Licht treten Gott, exzellent von Peter Schütze interpretiert, und die Figur des Anderen, hervorragend gespielt von Michael Creutz, aber auch der Tod, Sven Söhnchen, auf die Bühne. Frau Kramer wird von Nadja Gruhn bestechend in Hamburger Dialekt spitzzüngig dargeboten, ebenso die „Elbe“ in stimmigem Kostüm. Sie alle symbolisieren, worum es gehen muss, klagt einer sein Schicksal unter den Menschen an. Ein Lebensweg von Kälte, Schmerz, Gewalt und Tod, aber auch ein Weg der Liebe zum Leben, dem Willen zum Überleben, der Freude an der Lebendigkeit, wie es das Ringen Beckmanns zwischen Selbstaufgabe und Neuanfang deutlich zeigt, wie es Borchert in seinem Text „Das ist unser Manifest“ für die Literatur seiner Zeit formulierte: „Unser Manifest ist die Liebe. Wir wollen die Steine in den Städten lieben, unsere Steine, die die Sonne noch wärmt, wieder wärmt nach der Schlacht.“

Die Hauptfigur kollidiert mit den Strategien der Leugnung, die das Trauern und den Schmerz von Erinnerung nicht zulassen. Was einst die Mitscherlichs mit der „Unfähigkeit zu trauern“ (1967) veranschaulichten, sind Verhaltensmuster, die Erinnerung und Fragen im Kontext der Vergangenheit kollektiv tabuisieren und angesichts der ausgesprochenen Schuldfrage verdrängen. Im Kern handelt das Stücks von der gestalterischen Kraft der Erinnerung – eben gerade, weil diese Kraft nicht in Erscheinung tritt. Indem Beckmann von denen abgewiesen wird, die die Zukunft definieren, bleibt ihm nur ein Platz: Draußen vor der Tür – konsequent und allerorts. Lediglich das brillant von Ariane Raspe gespielte „Mädchen“ klagt die Gemeinsamkeit der biographisch Verstümmelten ein. Mit ergreifender Intonation lässt Raspe das Sprechen des Mädchens, die Entäußerung von Denken im Ton und im Wort, dem verzweifelten Kampf Beckmanns ebenbürtig erscheinen. Die beiden Figuren sind zu einem tragischen Paar verbunden. Ihre Verbindung aber, das ist die doppelte Tragik, bleibt uneinlösbar. Die Menschen tragen ihr Schicksal in Einsamkeit, das Trauma bleibt eingeschlossen.

Äußerlich stigmatisiert ihn die Gasmaskenbrille, innerlich ist er zerbrochen durch die Lebenserfahrungen: So bleibt Beckmann nur der beharrliche Blick durch dieses Kriegsutensil, denn die Erinnerung will nicht verschwinden, das Trauma muss verarbeitet werden. Diese Blickrichtung  stellen Adam Hildenberg und „sein“ Mädchen unter die Haut gehend dar, während die Facetten der Verleugnung durch ein Fratzenkaleidoskop der Typen eine durch Konsens gestützte Definition von Opferrollen weiterführen. Auch diese Rollen sind von Peter Schütze mit Spuren der Menschlichkeit ironisch in ihrem Versagen gezeichnet worden. Hilflosigkeit, Verweigerung und der Charme einer rabiaten Gefühllosigkeit im Sinne des „hart angefasst“ -Werdens (der Oberst) verwehren Beckmann den Zutritt zur „geschlossenen Gesellschaft“ (Sartre) und er verzweifelt bei einem seiner Versuche Anschluss zu finden: „Einmal muss man doch irgendwo eine Chance bekommen.“

Beckmann, das Synonym für den einen der Kriegsheimkehrer von denen, scheitert an einer Vergangenheit, die in die Gegenwart verzerrt verlängert wird, denn auch ihn hat man mit Schuld beladen – „Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück“. Träume und Phantasmen ragen in die Realität, sind Bestandteil seiner Wahrnehmung. Handelt es sich bei Verdrängung um ein menschliches Grundmuster? Diese Frage bleibt aktuell, sie zeigt die Leistung Borcherts das Thema der Ausgrenzung zum Theaterklassiker gemacht zu haben und der junge Adam Hildenberg stellt diese Problematik mehr als überzeugend dar. Peter Schütze und das SchlossSpielensemble zeigt diesen aufrüttelnden Klassiker „spielend“ in überzeugender, ergreifender Darstellung. „Gerade für die Jugend ist die Thematik unentbehrlich, wenn sie aus der Geschichte für die Zukunft lernen wollen“, so äußerte sich Monika Sinn, Lehrerin des THG, die ihren Literaturkurs motivieren konnte, an diesem Freitagabend lebendiges Schauspiel zu erleben. Verantwortung jedenfalls muss oft eingeklagt werden – das können die Jugendlichen daraus lernen.

Der Freundeskreis Hagen-Smolensk präsentiert dieses Stück als RUHR.2010- Projekt. „Es ist wichtig, diesen Stoff mit professionellen Schauspielern in Hagen zu zeigen und das Ensemble wird damit in Smolensk gastieren und damit die Verbundenheit zu Russland unterstreichen“, so Hans-Werner Engel.

Dieses Kulturprojekt mit Tiefgang muss eine breite Öffentlichkeit in Hagen erhalten und die Menschen werden erkennen, welch großartige Leistungen Künstler in Hagen auf die Bühne erbringen. Warum kauft das Hagener Theater teure Tourneebühnen ein, wenn wir vor Ort selbst hervorragende Angebote haben?

Begeistert jedenfalls hat sich Peter Mook geäußert, der vom Anspruch dieses Kulturprojektes und seiner zu leistenden Würdigung überzeugt ist.

 Jan Pfennig (Bochum)

Kunstaustellung in der Smolensker Humanistischen Universität mit Hagener Beteilung

Die Hagener Künstler Bernd Müller (Fotograf) und Bernhard Paura (Maler) sind in diesem Jahr in Smolensk in einer weiteren Ausstellung vertreten. Gemeinsam mit Werken von Alexander Dolosov, Aleksej Dovgan, Yury Shutov, Julia Wolkova und Nadja Ryghikova stellen sie ihre Kunstwerke in den Austelllungsräumen der Smolensker Humanistischen Universität aus. Die Ausstellung wird im Wintersemester 2008/2009 an der UNI zu sehen sein.

Dritte Hagener Referendargruppe zu Gast in Smolensk

In der letzten Herbstferienwoche und der Woche danach war eine Gruppe von Seminarleiterinnen und Seminarleitern sowie Referendarinnen und Referendaren in Smolensk bei der Humanistischen Universität zu Gast. Neben den Hospitationen in einigen Smolensker Schulen, erlebte die Hagener Gruppe ein interessantes Kulturprogramm.

Reiseteilnehmer:

Candida Anna Beckerat, Severin Härtl, Judith Hefter, Alessa-Sarah Held, Ann-Kathrin Höfinghoff, Karin Bernadine Hövelmann, Heiko Martin Jahnke, Verena Alexandra Knop, Stefanie Leibrandt, Tullio Maggiore, Stefanie Meinert, Carsten Scheer, Annika Jennifer Schierz, Anne Werngard Stoll, Julia Thiemann, Monika Elisabeth Westermeier, Petra Drewes, Beate Kuhlmann, Wolfgang Luck

Der russische Film

Gemeinsam mit den „AllerWeltHaus“ Hagen wird der Freundesklreis Hagen-Smolensk in der Woche vom 19. bis 23. Januar 2009, Montag, Mittwoch und Freitag jeweils eine besonderen russischen Film vorstellen. Die Titel werden später bekannt gegeben.

Hintergrund:

Jeden Tag bieten uns die deutschen Fernsehanstalten unzählige amerikanische Filme an. Gute Produktionen aus anderen Ländern, auch aus Russland, sind zuweilen nur bei „Arte“ zu sehen. In deutschen Kinos sind russische Filmproduktionen auch eher selten. Dieses Defizit können wir nicht beheben, aber wir möchten mit diesem Projekt einen Anstoß geben, den russischen Film näher kennen zu lernen. Wir wurden dazu angeregt, weil in unserer Parnterstadt Smolensk jährlich eines der bedeutendsten Filmfestivals Russlands stattfindet.

Wir werden folgende Filme vorstellen:

 

 

Filmtage im AllerWeltHaus, Potthofstr. ( im Davidpark), 58095 Hagen

Montag, 19.01.2009, 19.00 Uhr

„Diamantenarm“

UdssR, 1969, Regie Leonid Gaiday – mit deutschen Untertiteln

Semjon Semjonowitsch hat diese Kreuzfahrt als Anerkennung für seine Leistungen im Betrieb gewonnen. Es geht über das schwarze Meer nach Istanbul. Als Semjon Semjonowitsch sich bei einem Unfall in Istanbul den Arm bricht, werden in seinem Gipsverband heimlich etliche wertvolle Schmuckstücke versteckt – ohne sein Wissen. Doch die Gauner sollten die Schmuckstücke einem Komplizen, den sie nicht kannten an den Arm gipsen. Als Semjon wieder zuhause angekommen ist, wollen die Gauner ihm selbstverständlich den wertvollen Verband abnehmen – doch das ist gar nicht so einfach. Eine der bekanntesten sowjetischen Gauner-Komödien, hervorragend dargestellt und präzise gearbeitet wie es in Deutschland nur von Loriot zu sehen ist. Zudem sehr viel versteckte Gesellschaftskritik in den Liedern – nicht ungefährlich zu jener Zeit in der UdssR.

Darsteller: Yuri Nikulin, Nina Grebeshkova, Andrei Mironov, Anatoly Papanov, Stanislav Chekan, Nonna Mordyukova, Svetlana Svetlichnaya, Vladimir Gulyayev, Grigory Shpigel, Leonid Kanevsky, Roman Filippov, Igor Yasulovich, Andrei Fait, Alexander Khvylia

Mittwoch 21.01.2009, 19.00 Uhr

„Die Garage“

UdSSR 1979, Regie Eldar Ryazanov –synchronisiert

Die Garage wurde 1979 gedreht und von den sowjetischen Filmbehörden viele Jahre mit einem Exportverbot belegt. Regisseur Eldar Rjasanow und sein langjähriger Autor Emil Braginski beleuchten das Innenleben einer sogenannten Garagengenossenschaft.

Der Vorstand hat eine Sitzung einberufen, weil wegen des Baus einer Schnellstraße fünf Mitglieder keine Garage bekommen können. Fünf bereits ausgewählt Mitglieder sollen ausgeschlossen werden. Handlungsort des Films ist ein geschlossener Raum im Zoologischen Museums in Moskau. Zwischen ausgestopften Tieren, neben denen sich die Menschen bis zur Unkenntlichkeit – oder Kenntlichkeit? – entblößen. So entsteht eine Stimmung aus Zorn, Hass, Eifersucht, Anbiederei, aber auch Verständnis, Solidarität und Güte, die durchaus Parallelen zu manchen Vereinen deutscher Prägung aufzeigt.

Eine bittere Parabel auf Abwesenheit von Demokratie und dazu ein überaus absurdes Drama: Am Ende stellt sich nämlich heraus, dass der geplante Garagenbau von Anfang an eine Farce gewesen ist.. Menschliche Schwächen und Stärken werden scharf beobachtet und präzise dargestellt.

Diesem genialen Film darf donnernder Applaus oder grollendes Lachen folgen, auch wenn es zuweilen im Halse stecken bleiben möchte, es sind jedenfalls keine Irrlichter aus dem Gag-Arsenal der Unverbindlichkeit, die uns in diesem Lustspiel komisch vorkommen.

Darsteller :Liya Akhedzhakova , Iya Savvina , Svetlana Nemolyayeva , Valentin Gaft , Andrei Myagkov

 

Freitag, 23.01.2009, 19.00 Uhr

„Wir kommen aus der Zukunft“

Russland 2008, Regie Andrei Malyukov

Es ist ein Zeitreiseabenteuer, das aber den phantastischen Aspekt weiter in den Hintergrund stellt, als zu erwarten ist.

Handlung:

Vier junge Männer aus St. Petersburg, die illegal Relikte aus dem zweiten Weltkrieg ausgraben und
diese gewinnbringend verkaufen, stoßen auf eine wahre Goldgrube. Sie finden eher zufällig unter einem Hügel die Überreste einer Befestigungsanlage des zweiten Weltkrieges, in denen es vor Schätzen aus dem zweiten Weltkrieg nur so wimmelt. Allerdings finden sie dort auch Gegenstände, die ihnen seltsam vorkommen, denn es sind ihre eigenen Ausweispapiere.

Am nächsten Tag nehmen sie ausgelassen ein Bad im nahe gelegenen See, der offenbar ein Zeitfenster ist, denn sie finden sich mitten in einem Schlachtgetümmel zwischen Russen und Deutschen wieder. Sie werden von russischen Soldaten gefangen genommen, da man sie, weil sie nackt sind, für Deserteure hält. Sie können den Kommandanten jedoch überzeugen, dass sie Zivilisten mit besonderem Wissen sind, denn sie verraten ihm einige Geheimnisse zum Ausgang des Krieges.
Wahrscheinlich aufgrund von Soldatenmangel werden die vier Freunde dennoch in Uniformen gesteckt und in den Schützengraben geschickt. Obwohl sie in unserer Gegenwart durchaus harte Kerle sind, geht das unmittelbare Kriegsgeschehen ihnen an die Nerven. Um ihre patriotische Einstellung zu beweisen, lassen sie sich auf eine Sondermission ein. Ein vorheriger Fluchtversuch zum See war gescheitert. Sie sollen einen hochrangigen Deutschen entführen. Das Unternehmen schlägt fehl. Nach einigen Verhören gelingt ihnen die Flucht. Die Russen entschließen sich, das deutsche Lager frontal anzugreifen, was zu einem regelrechten Massaker auf beiden Seiten führt. Das Ziel aber wird erreicht. Schwer angeschlagen flüchten die vier jungen Männer zum See und kehren in unsere Zeit zurück. Aber der Krieg hat Spuren hinterlassen…

Der Phantastische Aspekt der Zeitreise scheint eher nur ein Vorwand zu sein, um das Heute mit dem Gestern zu konfrontieren. Der Film stellt die Grausamkeiten des Krieges nicht mit so großer Intensität dar, wie wir es aus westlichen moderneren Filmen kennen. Die Grausamkeiten sind trotzdem wahrzunehmen, insbesondere das Ende der kleinen, teilweise kitschig dargebotenen, Liebesgeschichte.

Die Charaktere wirken glaubhaft. Zu den eindrucksvollsten Szenen gehören jene, in denen die jungen Männer mit den Soldaten in einer Runde sitzen und mit modernen Musikelementen die Leute zum Singen bringen (Auf diese Weise kommen der Rap oder das Scratchen in die Vierziger Jahre), was weder aufgesetzt noch albern wirkt, sondern wirklich glaubhaft und vor allem menschlich, eine besondere Stärke der russischen Filmemacher.

Sorgfältig gemacht sind auch die Sequenzen im Deutschen Lager. Da nur einer der deutschen Offiziere Russisch spricht, werden alle Unterhaltungen, außer jene mit den jungen Männern, in Deutsch geführt (man erhält dazu russische Untertitel). Dabei sprechen sie so klar, dass manglauben könnte, es handelt sich hier um deutsche Darsteller.

Die Schauspieler füllen die Charaktere mit Leben und Seele, wirken überzeugend. Erwähnenswert ist auch der Gruppenführer, der während der Flucht aus dem deutschen Lager für die vier jungen Männer sein Leben opfert.

Der Schluss bietet noch eine kleine Überraschung!

Darsteller: Boris Galkin, Yekaterina Klimova, Danil Kozlovsky, Sergei Makhovikov, Daniil Strakhov, Andrey Terentyev, Dmitry Volkostrelov, DmitryVolkostrelov
Buch: Kirill Belevich, Aleksandr Shevtsov, Eduard Volodarsky
Kamera: Alexandr Soloviev